BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

GRÜNE Hamburg‑Nord

Kontroverse Debatte, viele Erkenntnisse

Nachbericht: "Wohnen: Grundrecht oder Privileg" - Podiumsdiskussion

27.06.26 – von Partei

Unsere Podiumsdiskussion zu "Wohnen: Grundrecht oder Privileg" am 18. Juni in der Zinnschmelze war ein voller Erfolg. Gemeinsam mit knapp 50 Gästen und Expert*innen aus Architektur, Wohnungswirtschaft, Mieterschutz und Stadtforschung haben wir eine engagierte und teils auch kontroverse Debatte geführt. Vielen Dank an alle, die vor Ort waren! 

Hier ein kurzer Bericht zur Diskussion und einige Eindrücke. Denn wie wir gemeinsam erörtert haben: Wohnraum ist knapp, teuer und hart umkämpft – doch die Wohnungskrise hängt nicht nur an fehlendem Beton, sondern ebenso an politischen Rahmenbedingungen, ökonomischen Interessen und unseren Gewohnheiten. 

Keynote: Wohnen als Grundbedürfnis – und als Gewohnheit:

Den großen Bogen spannte Tina Unruh, Architektin, Geschäftsführerin der Hamburger Stiftung Baukultur und stellvertretende Geschäftsführerin der Hamburgischen Architektenkammer. In ihrer Keynote „In Zukunft zuhause – Bezahlbar Wohnen" benannte sie drei Gegenwartsprobleme – zu wenig passende Wohnungen, steigende Mieten, Wohnen als Geldanlage – und fragte, warum großzügiger Flächenverbrauch als Statussymbol gelte, etwa wenn nach dem Auszug der Kinder die große Wohnung selbstverständlich gehalten werde. Ihr Fazit: nicht nur Räume umbauen, sondern auch Gewohnheiten.

Impulse aus der Praxis: Büros umnutzen, gemeinnützig bauen: 

Konkreter wurde das Architektur-Kollektiv vonwegenleer mit seiner Arbeit zur Umnutzung von Büroleerstand. Rund 40.000 fehlenden Wohnungen stünden in Hamburg über eine Million Quadratmeter leerstehende Bürofläche gegenüber – genug, um rechnerisch die Hälfte des Mangels zu decken. Das Kollektiv berichtete von einem laufenden Projekt, in dem eine Büroetage zu gemeinschaftlichem Wohnraum wird, von baurechtlichen Herausforderungen und vom großen Andrang auf die temporär geschaffenen Wohnungen.

Auch Ali Mir Agha, Gründer und Mitglied der Geschäftsführung der Hamburg SOZIAL gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft mbH, setzte auf Praxis: Er präsentierte sein Unternehmen offensiv als Startup – und als erste Hamburger Gesellschaft im Sinne der neuen Wohngemeinnützigkeit. Sein Modell: alles aus einer Hand, gebündeltes Eigenkapital plus Fördermittel, Mieten unter dem Durchschnitt, Überschüsse zurück in neue Projekte. Die neue Wohngemeinnützigkeit nannte er Neuland, dessen Regeln man in der Praxis erst erproben müsse.


Auf dem Podium: zwischen Regulierung und Rendite

In der von Leon Alam (MdHB, Landesvorsitzender der GRÜNEN Hamburg und Sprecher für Bauen, Mieten und Wohnen) moderierten Runde prallten die Perspektiven teils produktiv aufeinander. Jörn Hadzik, Architekt und geschäftsführender Gesellschafter der spine architects GmbH, berichtete aus seiner Arbeit mit Baugemeinschaften – manchmal aufwendig, aber ein lohnendes Modell. Strittig blieb, wie stark diese Form gefördert werden sollte; einig war man sich, dass sie wertvolle Impulse gibt.

Dr. Rolf Bosse, Geschäftsführer und Vorsitzender des Mietervereins zu Hamburg von 1890 e.V., hielt ein engagiertes Plädoyer für mehr Regulierung zum Schutz der Mieter:innen. Er forderte die Politik zu einer aktiveren Rolle auf – Vorkaufsrecht konsequent nutzen, Boden öfter nur im Erbbaurecht vergeben statt verkaufen – und nannte Hamburgs „Hundert-Jahre-Häuser" mit langer Mietbindung als Vorbild. An der neuen Wohngemeinnützigkeit hatte er Kritikpunkte; entscheidend sei für ihn aber generell, Boden und Bauraum zurückzugewinnen.

Die ökonomische Gegenposition brachte Andreas Schulten, Gründer von Stadtwerte und ehemaliger Vorstand von bulwiengesa: Investitionen müssten sich rechnen. Zwischen Regulierung und Rentabilität wurde engagiert gestritten – über Enteignungen nach Berliner Vorbild, die Mietpreisbremse und die Frage, ob man Menschen einen Umzug oder neue Wohngewohnheiten zumuten kann. Auch vonwegenleer brachte dabei ihre Sicht auf die schwierige Regulierungs- und Genehmigungslage bei der Umnutzung ein, während Tina Unruh betonte, dass sich Lösungen finden, sobald sich Denken und Diskurs ändern. Viele Publikumsfragen gingen an Leon Alam, der die landespolitische Verantwortung einordnete – auch diskutiert wurde, ob Wohn- und Lebensraum überhaupt ein Renditeobjekt sein sollte.

Fazit des Kreisvorstands

Julia Hauck, stellvertretende Vorsitzende der GRÜNEN Hamburg-Nord und Teil des Organisations-Teams, zieht ein Resümee:

„Teils absurde Preisanstiege bei Neuvermietungen und Eigentum, immer weniger sozialer Wohnungsbau, stattdessen leerstehende Bürogebäude: Die Gründe für, aber auch die Wege aus der Wohnungskrise sind vielfältig. Wir sind froh, dass wir hier im Bezirk Hamburg-Nord einige mögliche Lösungswege diskutieren durften. Mein Fazit: Es geht nicht nur ums ‚Mehr bauen', sondern vor allem ums ‚Besser nutzen'. Das hat die Initiative ‚vonwegenleer' ebenso eindrücklich gezeigt wie Tina Unruh von der Hamburger Stiftung Baukultur in ihrem Impulsbeitrag. Bleibt die Aufforderung an die politischen Kräfte in dieser Stadt, neben den großen renditegetriebenen Bauprojekten weiterhin auch gemeinwohlorientierte Vorhaben zu fördern – wir sind gespannt!"
 

Wir freuen uns auf noch viele weitere engagierte Debatten und spannende Abende. Danke an alle Beteiligten!

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